Regelbasierte Weltordnung – die Carney-Rede
Auf dem Weltwirtschaftsforum 2026 in Davos 2026 hat der kanadische Premiereminister eine Rede gehalten, die weltweit Aufsehen und in den USA ziemlichen Ärger hervorgerufen hat. In einer nüchternen Analyse der Weltlage erklärte er, dass die Vorstellung, die Ordnung der Welt sei wie bisher durch Werte und Regeln gestaltet zur Illusion, zur Selbsttäuschung derjenigen Länder, die meinen, sie könnten durch Anpassen an die Mächtigen ihre Haut retten. Dabei spielte er deutlich auf die Trumpsche Politik der Drohung mit Zöllen an.
Carneys Rede ist in deutscher und in anderen Sprachen unter zahlreichen Internetadressen abrufbar, so dass wir auf eine spezielle Angabe verzichten. Hier folgen einige Passagen der Rede, um die Argumentation zu beleuchten und um die Kraft der Sprache zu zeigen:
„Heute werde ich über den Bruch in der Weltordnung sprechen, über das Ende einer schönen Geschichte und über den Beginn einer brutalen Realität, in der die Geopolitik zwischen den Großmächten keinen Beschränkungen mehr unterliegt. Aber ich möchte Ihnen auch darlegen, dass andere Länder, insbesondere Mittelmächte wie Kanada, nicht machtlos sind. Sie haben die Fähigkeit, eine neue Ordnung aufzubauen, die unsere Werte verkörpert – wie die Achtung der Menschenrechte, nachhaltige Entwicklung, Solidarität, Souveränität und territoriale Unversehrtheit von Staaten.
Die Macht der weniger Mächtigen beginnt mit Ehrlichkeit.
Jeden Tag wird uns vor Augen geführt, dass wir in einer Ära der Rivalität zwischen Großmächten leben. Dass die regelbasierte Ordnung schwindet. Dass die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erdulden, was sie müssen.
Dieser Aphorismus von Thukydides wird als unvermeidlich dargestellt – als natürliche Logik der internationalen Beziehungen, die sich wieder durchsetzt. Und angesichts dieser Logik tendieren viele Länder stark dazu, sich anzupassen, um dazuzugehören. Sich zu fügen. Ärger zu vermeiden. Zu hoffen, dass Compliance Sicherheit bringt.
Das wird sie nicht.
[…] Über Jahrzehnte prosperierten Länder wie Kanada unter dem, was wir die regelbasierte internationale Ordnung nannten. Wir traten ihren Institutionen bei, priesen ihre Prinzipien und profitierten von ihrer Berechenbarkeit. Wir konnten wertebasierte Außenpolitik unter ihrem Schutz betreiben.
Wir wussten, dass die Geschichte der regelbasierten internationalen Ordnung teilweise falsch war. Dass die Stärksten sich ausnahmen, wenn es ihnen passte. Dass Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden. Und dass internationales Recht je nach Identität des Beschuldigten oder des Opfers unterschiedlich streng angewandt wurde.
Diese Fiktion war nützlich, und die amerikanische Hegemonie lieferte insbesondere öffentliche Güter: offene Seewege, ein stabiles Finanzsystem, kollektive Sicherheit und Unterstützung für Rahmen zur Streitbeilegung.
[…]In jüngerer Zeit begannen Großmächte, wirtschaftliche Integration als Waffe zu verwenden. Zölle als Druckmittel. Finanzinfrastruktur als Mittel der Nötigung. Lieferketten als auszubeutende Verwundbarkeit.
[.-..] Wir verlassen uns nicht länger nur auf die Stärke unserer Werte, sondern auch auf den Wert unserer Stärke.
[…] Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wenn du nicht mit am Tisch sitzt, stehst du auf der Speisekarte.
[…] Hör auf, die „regelbasierte internationale Ordnung“ zu beschwören, als funktioniere sie noch wie beschrieben. Benenne das System, wie es ist: eine Phase intensiver Großmachtrivalität, in der die Mächtigsten ihre Interessen verfolgen, indem sie wirtschaftliche Integration als Waffe der Nötigung einsetzen.
https://www.20min.ch/story/wef-2026-das-11-transkript-der-rede-von-mark-carney-103492996
.. und in Englisch auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=btqHDhO4h10
