In der Ausgabe 2-2026 von GWP stellt Patrick Bredl die Entwicklung zum neuen Wehrpflichtgesetz dar. Der Text beleuchtet entsprechend der Rubrik „kontrovers dokumentiert“ die Positionen pro und kontra, so dass der Entscheidungsprozess und seine Protagonisten sichtbar werden.
https://budrich-journals.de/index.php/gwp/article/view/46997
Hier zwei Ergänzungen: Da ist die Verbindung zwischen der Wehrpflicht und einem generell verpflichtenden Gesellschaftsjahr, und da gibt es die bemerkenswerte Rede des Schriftstellers Navid Kermani aus Anlass des 20. Juli vor Bundeswehrrekrut:innen, in der das Grundgesetz zur Prüfinstanz des militärischen bedingungslosen Gehorsams erkärt wird.
In der SWR-Sendung „Zur Sache Baden-Württemberg“ sagte Thomas Strobl (Innenminister des Landes Baden-Württemberg), er sei nicht für eine Wehrpflicht, aber für ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr für junge Frauen und Männer. Dafür müsse man die Verfassung ändern. Strobl betonte: „Selbstverständlich kann man in diesem Gesellschaftsjahr dann zum Militär gehen.“ Er sei der festen Überzeugung, das würden dann auch hinreichend viele junge Frauen und Männern tun. Man könne sich aber auch in der Entwicklungshilfe oder im sozialen Bereich engagieren.
https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/diskussion-um-wehrpflicht-strobl-spricht-sich-fuer-gesellschaftsjahr-aus-100.html
Das Gesellschaftsjahr
Unterstützung bekam Merz aus der eigenen Partei. „Unser Zusammenhalt bröckelt. Ein Teil der Lösung könnte die Einführung eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres sein“, sagte CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann (damals noch Generalsekretär der CDU) der Rheinischen Post. Eine Gesellschaft, in der die Bindekräfte schwinden würden, „weil sich bestimmte Milieus immer seltener begegnen, kann nicht resilient sein“.
Linnemann betonte, dass sich „mit einem Gesellschaftsjahr bei der Bundeswehr, bei der Feuerwehr, beim THW oder im sozialen Bereich“ etwas dieser Entwicklung entgegensetzen ließe. „Demokratie lebt davon, dass sich Menschen treffen und miteinander austauschen.“
https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaftsjahr-debatte-100.html
In der SWR-Sendung „Zur Sache Baden-Württemberg“ sagte Thomas Strobl (Innenminister des Landes Baden-Württemberg), er sei nicht für eine Wehrpflicht, aber für ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr für junge Frauen und Männer. Dafür müsse man die Verfassung ändern. Strobl betonte: „Selbstverständlich kann man in diesem Gesellschaftsjahr dann zum Militär gehen.“ Er sei der festen Überzeugung, das würden dann auch hinreichend viele junge Frauen und Männern tun. Man könne sich aber auch in der Entwicklungshilfe oder im sozialen Bereich engagieren.
https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/diskussion-um-wehrpflicht-strobl-spricht-sich-fuer-gesellschaftsjahr-aus-100.html
Die Grünen
Der Antrag, der auf dem Bundesparteitag der Grünen im November zur Diskussion steht, richtet sich an alle Geschlechter und sieht vor, einen verpflichtenden Dienst für junge Menschen bis zum 28. Lebensjahr einzuführen. Dabei soll dieser Dienst für alle, die ihre Schule abgeschlossen haben, verpflichtend sein. Menschen, die älter als 28 sind, sollen sich aber freiwillig engagieren können.
Die Dauer des Dienstes wird auf 9 bis 12 Monate festgelegt. Ihren Einsatzbereich sollen die jungen Menschen selbst wählen können. Mögliche Einsatzfelder umfassen nicht nur die Bundeswehr, sondern auch den Zivil- und Katastrophenschutz, Tätigkeiten in sozialen Einrichtungen oder auch in ökologischen Projekten.
https://www.deutschlandfunk.de/gesellschaftsjahr-wehrpflicht-gruene-100.html
Militärischer Gehorsam und Grundgesetz
Aus der Rede des Schriftstellers Navid Kermani zum 20.7.2026 vor Rekrutinnen und Rekruten
((…))Liebe Rekrutinnen und Rekruten, Sie wissen jetzt schon besser als ich, der nie eine Waffe getragen hat, warum es wichtig ist und im Gefecht sogar überlebenswichtig werden kann, als Soldat gehorsam zu sein. Man kann nicht jeden Befehl infrage stellen, wenn man im Krieg bestehen will, und weil das so ist, achten Armeen bereits im Frieden streng auf Disziplin, Kameradschaft und die Einhaltung der Hierarchie. Diese genuin soldatischen Tugenden haben Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, bis gestern gelernt und werden Sie von morgen an weiter lernen. Der heutige Tag lehrt Sie etwas anderes. Er lehrt Sie, dass Sie in bestimmten Situationen Nein sagen können und Nein sagen müssen, selbst wenn es Sie die Gemeinschaft, die materielle Existenz oder sogar das Leben kostet. ((..))
Liebe Rekrutinnen und Rekruten, das Gelöbnis, das Sie in wenigen Minuten ablegen werden, gilt nicht einem Führer. Es gilt einem demokratischen Staat und einem freien Volk. Dennoch wird es auch für Sie nicht immer einfach sein, den Punkt zu erkennen, an dem Sie Nein sagen müssen. Man soll seinem Gewissen folgen, heißt es, und das klingt auch im Ideal der Inneren Führung an, das die Bundeswehr sich gegeben hat. Allein, dieses Gewissen ist ein sehr zweifelhafter Bürge. Terroristen berufen sich ebenfalls auf ihr Gewissen, wenn sie Hunderte Menschen in die Luft sprengen, und selbst Himmler glaubte, anständig zu sein, als er in Posen über die Auslöschung des jüdischen Volkes sprach. Das Gewissen allein genügt nicht, um zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Das Gewissen braucht ein objektives Korrektiv, soll es nicht willkürlich sein. Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, besitzen ein solches Korrektiv in Gestalt unseres Grundgesetzes und der darin verankerten Grundrechte, die durch keine Mehrheitsentscheidung geändert werden dürfen. Diese Grundrechte stehen über jedem Befehl Ihres Vorgesetzten, gleich unter welchen Umständen.
https://www.ksta.de/politik/rede-von-navid-kermani-zum-20-juli-dieser-tag-lehrt-sie-nein-zu-sagen-1335084
Im September 2026 wies Carlo Masala (Professor für Sicherheits- und Verteidigungspolitik an der Universität der Bundeswehr München) erneut auf diesen Vortrag hin und bedauerte, dass der keine breite Diskussion ausgelöst habe. Wenn etwa eine Regierung das Grundgesetz missachtete oder es mit ihm gehorsamen Leuten besetzte, „ dann aber brauchen wir genau das, was Navid Kermani in seiner Rede gefordert hat: den heroischen Soldaten, die heroische Soldatin, die basierend auf dem Grundgesetz dieser Republik eine Gewissensentscheidung trifft, nämlich, den Befehl zu verweigern.“
Kölner Stadtanzeiger vom 11. September 2026
